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Google und der Brexit

Von viel Emotionen und wenig Wissen

Der Austritt der Briten aus der europäischen Union ist momentan das Thema in Europa und der ganzen Welt. Wir werfen mittels Google Trends einen sicherlich nicht wissenschaftlichen, aber interessanten Blick auf die Situation und das Verhalten ihrer Beteiligten.

Ja, der „Brexit“ als künstliche Wortschöpfung hat im direkten Vergleich der Suchvolumina die „EM 2016″ zumindest zeitweise abgelöst. In der Woche nach dem Referendum scheint es jedoch so, als ob man sich nun doch wieder dem Fußball zuwenden dürfte.

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Gut, dass das Referendum überhaupt zustande kam. Offenbar hatten doch einige Briten vergessen, dass sie am 23.06. wählen gehen sollten. Das erklärt den Anstieg im Suchvolumen zu „brexit vote date“ am 24.06., also einen Tag nach der Wahl:

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Interessant auch zu sehen, in welcher Form sich die Lager der Brexit-Befürworter und der Gegner in ihren Suchprofilen zeigen:

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Es scheint nachvollziehbar, dass mit der Verkündung des Ausstieges aus der Europäischen Gemeinschaft durch die Unterlegenen vermehrt nach Gründen und Gleichgesinnten gesucht wird. Es zeigt auch, wie schnell der Gedanke an eine Petition in Umlauf kam.

Untersucht man hingegen die emotionalen Einstellungen zur Thematik, so lässt sich über „fuck brexit“ und „love brexit“ relativ deutlich erkennen, zu welchem Zeitpunkt die Befürworter der Abspaltung nach den ersten Auszählungen vorne lagen:

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Auf ähnliche Weise tobten sich dann aber auch die Brexit-Befürworter bei Google aus:

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Insgesamt fällt jedoch auf, dass die „Vote to Leave“-Kampagne deutlich präsenter war, als „Vote to Remain“:

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Die Gründe zum Verbleib in der EU werden vor allem am Tag nach der Wahl erfragt. Zwar liefert Google hier keine absoluten Zahlen zum Umfang der Suchanfragen, allerdings scheint es bemerkenswert, dass niemals zuvor so viele Menschen an den Gründen interessiert war. Schade.

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Natürlich lässt es sich nicht ausschließen, dass hier auch EU-Befürworter nach Gründen forschen, um ihre Argumente für sich persönlich aufzufrischen.

Betrachten wir uns die folgende Abbildung, so wird klar, dass nach der Entscheidung zum Verlassen der EU verstärkt nach bestätigenden Gründen gesucht wurde. Schließlich musste die getroffene Entscheidung gerechtfertigt werden:

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Dieses Suchverhalten – die Suche nach bestätigenden Argumenten – spiegelt sich auch im folgenden Verlauf bei der Suche nach „brexit good“ und „brexit bad“ wider:

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Konsequenzen

Auch die Frage nach den Konsequenzen eines Austritts aus der EU war vor dem 24.06.2016 niemals ein großes Thema:

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Und natürlich steht die Frage im Raum, ob durch den Austritt die eigene berufliche Existenz auf dem Spiel steht:

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Mit dem Brexit erlebte das britische Pfund eine unglaubliche Talfahrt. Kein Wunder also, dass der Wert der eigenen Währung intensiv abgefragt wurde.

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Die ausformulierte Suchanfrage könnte vermuten lassen, dass sie mittels Sprachsteuerung abgesetzt wurde.

Doch nicht nur die Engländer hinterlassen ihre digitalen Brexit-Spuren. Auch die Iren sind besorgt und suchen am Tag nach er Wahl nach Informationen und Orientierung:

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Auch für die irischen Landsleute in Großbritannien stellt sich die Frage, ob der Brexit Auswirkungen auf sie hat.

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Schottlands Pläne

Die Überlegungen zur Abspaltung Schottlands vom restlichen Großbritannien machen bereits am Abend des 24.06. die Runde, nehmen am 26. und 27. aber so richtig an Fahrt auf.

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Wetten

Die Briten wetten gerne. Auch auf einen Verbleib oder einen Austritt des eigenen Landes aus der EU.

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Eine Beschäftigung mit der Thematik findet demnach schon länger statt. Allerdings dürften wir dabei von einer nur geringen Anzahl von Menschen in einem falschen Kontext ausgehen.

Wissenslücken

In jedem Fall existieren nachweisliche Informationsdefizite in Bezug auf die Europäische Union. Auch die Frage „was ist die EU“ wurde am Tag nach der Wahl so häufig gestellt, wie niemals zuvor.

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Nicht ganz so deutlich ausgeprägt wurde gefragt, wo sich denn Brüssel befinde:

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Vielleicht ist Brüssel ja in Deutschland?

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Und wie viel zahlt denn nun Großbritannien an die EU? Ist das am Tag nach der Wahl immer noch so viel, wie vorher auf den Londoner Bussen plakatiert war?

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Die Frage nach der genauen Summe wurde niemals vorher so häufig gestellt, wie nach dem entschiedenen Referendum.

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Immigranten

Das Gleiche gilt für die Frage nach den Immigranten. Wie viele Immigranten gibt es in Großbritannien?

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Können eigentlich auch Einwanderer am Referendum teilnehmen?

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Und was geschieht mit ihnen, wenn Großbritannien die EU verlässt?

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Werden die Immigranten dann zurückgeschickt?

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Keine Frage: die Diskussionen der Brexit-Befürworter haben ein unschönes Stimmungsbild unterstützt …

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Auswanderungspläne

Dabei hat die Situation insgesamt dafür gesorgt, dass sich viele Menschen tatsächlich gedanklich mit der eigenen Auswanderung beschäftigen und dazu bei Google nach Informationen suchen.

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Als konkrete Ziele kommen für die Briten vor allem Canada, Australien und Neuseeland in Betracht.

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Das bestätigen auch die Suchanfragen nach beruflichen Perspektiven in diesen Ländern:

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In diesem Kontext wird auch gleich mal die Frage nach der Staatsbürgerschaft zum Thema gemacht:

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Ist es möglich eine doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen?

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David & Boris

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf zwei Protagonisten der Brexit-Story: auf David Cameron und Boris Johnson. Die Frage nach Führung nach der Verkündung der Abspaltung von der EU lässt sich am hohen Suchvolumen nach „David Cameron“ ableiten. Seine Person ist nun gefragt.

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Auf der anderen Seite wird jedoch auch sein Rücktritt erwartet, den er dann selbst für die kommenden Monate in Aussicht stellt:

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Offenbar hat sich David Cameron mit dem Referendum nicht nur Freunde gemacht. Manchen scheint der Rücktritt in ein paar Monaten nicht schnell genug …

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Bei Boris Johnson sieht es allerdings nicht deutlich anders aus:

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Und manch einer scheint davon auszugehen, Cameron und Johnson seien bereits Geschichte:

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Da muss sich der Dritte im Bunde, Nigel Farage von der EU-kritischen UKIP, mit einer alten Meldung zu einem Flugzeug-Unglück begnügen, welche an dieser Stelle wieder interessant wird:

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Fazit

Wie zu Beginn erwähnt liefert Google Trends keine absoluten Zahlen zu den aufgeführten Suchvolumina. Insgesamt erscheint es ungewöhnlich, dass viele Wissenslücken zur EU erst nach dem Referendum geschlossen werden wollten. Wir können jedoch unmöglich sagen, um wie viele Menschen es sich dabei handelte. Wir können aber im zeitlichen Verlauf und direkt mit anderen Suchphrasen durchaus grundsätzliche Informationsmechanismen erkennen, die auf typische Verhaltensmuster hindeuten und sich zumindest teilweise extrapolieren lassen.

Großbritannien hinterlässt insgesamt den Eindruck, dass nicht alles genau durchdacht und zu spät hinterfragt wurde. Die hier zusammengetragenen Daten können jedoch nicht die Annahme untermauern, dass ein Großteil der Brexit-Befürworter ihre Wahlentscheidung jetzt nun in Frage stellen würden. In jedem Fall aber lassen sich typische Reaktionen der unterlegenen Brexit-Gegner beobachten.

Aktuell scheint sich eine Spaltung des Landes zu manifestieren. Hoffen wir auf einen glimpflichen Ausgang …

 

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